An der Hochschule Luzern

Professor für Wirtschaft und Soziologie

In meiner Forschung verstehe ich Korruption nicht als individuelles Fehlverhalten. Ich frage, wer Straflosigkeit geniesst – und wen Antikorruptionsmassnahmen treffen.

Im Unterricht stelle ich unterschiedliche Theorien und Sichtweisen vor, damit die Studierenden ihren eigenen Standpunkt finden. Mein Schwerpunkt: der Vergleich der Standard-Ökonomie mit alternativen Theorien.

Aktuelle Forschung: Korruption in Russland und der Ukraine
Bald erhältlich: Michael Derrers Buchtrilogie (2026)

Im untersuchten Kontext ist Korruption meist kein moralisches Versagen Einzelner – sie ist eine Struktur. Diese Trilogie liest Korruption als Architektur der Straflosigkeit: als Zusammenspiel von selektiver Regeldurchsetzung, inszenierter Regelkonformität und informeller Machtausübung. Diese Architektur überdauert Reformen und nutzt diese mitunter sogar für ihre eigenen Zwecke.

Auf der Grundlage jahrelanger Feldforschung in Russland und der Ukraine entwickelt Michael Derrer eine neue Sprache dafür, wie sich Systeme aus Macht und Privileg reproduzieren – gerade dann, wenn sie sich öffentlich der Antikorruption verschreiben.

Die drei Bände, die 2026 bei Peter Lang publiziert werden, sind eigenständig lesbar, entfalten ihre volle Wirkung aber im Zusammenspiel:

  1. Redefining Corruption: How Systems of Power and Privilege Survive Reform (300 Seiten)
  2. Corruption, Extortion, and Power: Decoding Informal Governance in Russia and Ukraine (300 Seiten)
  3. Shifting Dynamics of Corruption: Narratives from Kyiv and Moscow (300 Seiten)
beyond integrity – Informelle Governance, Straflosigkeit und Wiederaufbau

Wer strukturelle Korruption verstehen will, fragt nicht zuerst, wer schuldig ist, sondern wer von den Strukturen geschützt wird. Der von Michael Derrer initiierte Forschungsschwerpunkt beyond integrity der Hochschule Luzern untersucht, wie Machtkonfigurationen entstehen, die Reformen überdauern und sich reproduzieren – und was das für Investitionen und Wiederaufbauprojekte bedeutet. Aus dieser Forschung ist eine Konfigurationsdiagnostik entstanden, die Gebern, Institutionen und Unternehmen sichtbar macht, was Audits, Indizes und Compliance-Checklisten übersehen. www.hslu.ch/beyondintegrity

Vorträge und wissenschaftlicher Austausch

Auf Einladung hat Prof. Derrer 2026 seine Arbeit international vorgestellt:

  • Elliott School of International Relations, George Washington University, Washington
  • Institut National des Langues et Civilisations Orientales (INALCO), Paris
  • Universidad Complutense de Madrid
  • Sapienza Università di Roma
  • Uniwersytet Warszawski, Instytut Studiów Społecznych im. Roberta Zajonca
  • Université de Genève, Research Center for Corruption Studies
  • SASE Annual Conference, Bordeaux
  • ECPR General Conference, Kraków
  • Stanford University (Oktober 2026)
Weitere Publikationen

Michael Derrers folgende Buchprojekte sind derzeit in Arbeit:

  • STRAIN (Systemic Tension and Repair Architecture in Institutions) ist ein Rahmen dafür, wie Organisationen innere Spannungen absorbieren und «reparieren», um funktionsfähig zu bleiben – und zu welchem Preis und zulasten wessen dies geschieht.
  • Orderpower Economics analysiert Wirtschaft als Kampf um die Regeln selbst: Nicht wer am effizientesten tauscht, sondern wer Standards, Zugänge und Infrastrukturen kontrolliert, übt Macht aus – und schöpft daraus dauerhaft Vorteile ab.
  • Wirtschaft im Widerspruch ist ein wirtschaftsdidaktisches Lehrmittel, das den Unterricht auf die Konfrontation widersprüchlicher ökonomischer Theorien und Modelle ausrichtet – statt Wirtschaft linear als eine einzige Wahrheit darzustellen.
  • SWITEX (Swiss Index for Teaching Excellence) ist ein Instrument, das didaktische Qualität messbar macht – zur Diagnose, gezielten Weiterentwicklung und werteorientierten Verbesserung des Unterrichts, basierend auf für die Schweiz zentralen Prinzipien.

Vollständige Publikationsliste von Michael Derrer

Meine Veranstaltungen an der Hochschule Luzern

Ich unterrichte seit 2012 an der HSLU in folgenden Bereichen:

 

Wirtschaft anders unterrichten

Einführung in die Volkswirtschaft - heterodoxe Perspektiven
In der Eintrittsveranstaltung für Master-Studierende konfrontieren wir die Sichtweise der Standard-Ökonomie (Neoklassik) mit alternativen Denktraditionen.
Wirtschaftssoziologie
Damit diese Einführung für fachfremde Studenten nicht zu trocken bleibt, findet der zweite Modulteil im Ausland statt, wo es eine kleine empirische Recherche zu führen gilt.
Marktwirtschaft 4.0: Wie soll sie aussehen?
In der fakultätsübergreifenden Veranstaltung stellen wir die Frage, wie wir unsere Wirtschaft aktiv gestalten können, und diskutieren alternative Wirtschaftsentwürfe.
All About Economy Filmtage
Das Medium Film ist für die Vermittlung von Wirtschaftswissen sehr geeignet. Im Austausch mit osteuropäischen Dozenten und Studenten diskutieren wir Dokumentar- und Spielfilme zum Thema Wirtschaft. Jährlich finden drei Austragungen statt, abwechslungsweise in Danzig, Bukarest, Kiev und Sofia. Projektwebsite: economy-filmdays.info

 

Geschäftserfolg im Ausland

Unternehmensethik
Der Kurs führt in die Grundfragen unternehmerischen Handelns ein: Was ist ein Unternehmen der Gesellschaft schuldig, und wo verlaufen die Grenzen zwischen rechtlich erlaubtem, wirtschaftlich sinnvollem und ethisch verantwortbarem Handeln?
Osteuropa – unsere unbekannten Nachbarn
Ich habe 20 Bildungsreisen in ost- und südeuropäische Länder organisiert, um Chancen und Herausforderungen der lokalen Wirtschaft zu beleuchten. Projektwebsite: summer-school-eastern-europa.info
Methoden und Kennzahlen zur Evaluation von Wirtschaftsstandorten
Zweck des Kurses ist eine kritische Einstellung gegenüber Kennzahlen zu erlangen – damit lassen sich Fehlschlüsse und falsche unternehmerische Entscheide vermeiden.

 

Veranstaltungen der Vergangenheit

Wo ich das didaktische Handwerk erlernt habe
  • 2013-2019      Hochschule Luzern – Soziale Arbeit: Einführung in die Volkswirtschaft
  • 2015-2019      Hochschule Luzern – Soziale Arbeit: Arbeitsmarktsoziologie
  • 2011-2014      FFHS: Personalmanagement, Wissensmanagement
  • 2011-2012      Berner Fachhochschule: Introduction à la comptabilité
  • 2009-2011      Business School Lenzburg und Alte Kanti Aarau: BWL, VWL, Recht, Staatskunde
  • 1992-1993      Sekundarschule Gelterkinden, Gymnasium Liestal: Geschichte, Deutsch, Fremdsprachen  
Weitere Akademische Interessen
Plurale Ökonomik
Im Gegensatz zu anderen Sozialwissenschaften werden in der Ökonomie kaum alternative Gesichtspunkte gelehrt. Dank dem Fundus an Erkenntnissen und Konzepten „alternativer“ Denker der Vergangenheit und Gegenwart erweitern wir unseren Horizont und vergrössern den Spielraum, um unabhängig zu denken.
Marktwirtschaft statt Kapitalismus
Die Suche nach Ansätzen für ein Wirtschaftssystem, das die Vorteile einer Marktwirtschaft beinhaltet, aber die negativen Aspekte des real existierenden Kapitalismus vermeidet, findet sich in unterschiedlichen Denktraditionen. Besonders ergiebig erscheinen mir

  • Ordoliberalismus und Distributismus. Angstrebt wird eine breitere Streuung des Eigentums und gleichlange Spiesse im Wettbewerb für KMU.
  • Besteuerung leistungslos erworbener Einkommen anstelle von Steuern auf Arbeit und unternehmerischem Erfolg, z.B. durch eine Bodenabgabe gemäss Henry George, eine Erbschaftssteuer auf Grossvermögen oder eine Mikrofinanzsteuer
  • Geldreformansätze von Silvio Gesell bis Joseph Huber
Wirtschaftssoziologie und Institutionenökonomie
Die Anwendung sozialwissenschaftlicher Methodik  erlaubt zu beobachten, wie die Wirtschaft tatsächlich funktioniert. Werte, Traditionen und Vorstellungen spielen dabei eine weit grössere Rolle als es die Standard-Ökonomie vermuten lässt. Das ist auch von praktischer Relevanz: Nur mit dem Verständnis der spezifischen Werte und Normen einer Gesellschaft und zielgerichteter interkultureller Kommunikation können Schweizer Unternehmen im Ausland erfolgreich sein.
Bewertung schwierig zu bewertender Güter
Wertschöpfung erfolgt heute vor allem durch Wissen. Dieses findet sich aber nirgends in der Bilanz. Kann man diesem Wissen einen objektivierbaren Wert beimessen? Für das Eidgenössische Parlament habe ich das Gutachten “Entschädigung und Infrastruktur der Parlamentsmitglieder” konzipiert und durchgeführt, mit der Frage, wie sich die Arbeit der Parlamentarier bewerten lässt, um die Grundlage für eine angemessene Entschädigung zu schaffen.
Konstruktivistischer Wirtschaftsunterricht
Der Konstruktivismus befasst sich mit der Art, wie Menschen Sachverhalte theorisieren und daraus Modelle bilden, und wie diese Modelle wiederum das Verhalten der Menschen beeinflussen. Für den Unterricht bedeutet dies zu lernen, mit Modellen umzugehen, diese zu hinterfragen und auch eigene Modelle zu bilden. Noch immer besteht Wirtschaftsunterricht jedoch in erster Linie in der passiven Übernahme von  Modellen, welche eine vermeintlich objektive Realität abbilden sollen. Zur Umsetzung meines Ansatzes arbeite ich am Lehrbuch „Wirschaft im Widerspruch“, in dem konfliktierende Sichtweisen auf die uns umgebende Wirtschaft einander gegenübergestellt werden – mit offenem Ausgang.
Mein Studienhintergrund

Doktorat in Soziologie, Universität Warschau

Für meine Dissertation wählte ich die Universität Warschau, wo ich in dem bekannten Soziologen Prof. Dr. habil. Jacek Kurczewski einen geeigneten Betreuer fand. Das Thema meiner Dissertation lautete „Corruption, Extortion, and Power in Russia and Ukraine“. 2021 führte ich in beiden Ländern empirische Forschung durch. Die Ergebnisse veranschaulichen die Komplexität dieser Phänomene. Im März 2024 wurde ich promoviert.

Lehrdiplom für Wirtschaft und Recht, Fachhochschule Nordwestschweiz

Theoretische und praktische didaktische Ausbildung auf pädagogischer Grundlage, ergänzt durch zusätzliche Fachstudien in Privatrecht und angewandtem Rechnungswesen. Meine selbständige Arbeit schrieb ich über den Ansatz des „Konstruktivismus“ in der Wirtschaftsdidaktik.

MA Public Policy Management and Analysis, Universität Genf

Der Schwerpunkt dieses zweiten Abschlusses an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät lag auf der Rolle des Staates in der Wirtschaft und auf der Anwendung moderner Managementmethoden auf die öffentliche Verwaltung. Meine Masterarbeit schrieb ich über die Rolle des Staates bei der Förderung des lebenslangen Lernens.

BA Politikwissenschaft, Universität Lausanne

Das Studium umfasste Kurse in Politikwissenschaft, Soziologie, Zeitgeschichte und Wirtschaftswissenschaft. Die Schwerpunkte meines Studiums lagen auf:

  • Geschichte der ökonomischen und soziologischen Theorie (Karl Polanyi, Michel Foucault, Jürgen Habermas, Pierre Bourdieu)
  • Diskursanalyse (Frühsozialismus; Realsozialismus; nationalistischer Diskurs; ethnischer Diskurs; Liberalismus)
  • Aussenwirtschaftspolitik und internationale Finanzorganisationen
  • Politische Parteien zwischen Interessen, Ideologie und organisatorischer Dynamik

Die zahlreichen Forschungsarbeiten, die während dieses Studiums zu verfassen waren, führten mich zu eigenständiger Forschung, Interdisziplinarität und einer wissenschaftlichen, unvoreingenommenen Haltung.

Studienaufenthalte im Ausland

1992-93 studierte ich in Bukarest, und 1996 war ich der erste westliche Student am MGIMO (Staatliches Moskauer Institut für Internationale Beziehungen), der Ausbildungsstätte der sowjetischen und heute russischen Diplomaten.