Anti-Arbeitsplätze

Nun ruft die Frau mit dem Ostschweizer Akzent tatsächlich zum zweiten Mal an. Gestern schon wollte sie mir die innovative Medizinalfirma vorstellen, deren Aktien ich kaufen solle. Während ich die Dame gestern noch höflich darauf aufmerksam machte, dass ihr Anruf nun wirklich gar nicht erwünscht sei, da mein Eintrag in allen Telefonverzeichnissen unmissverständlich mit einem Stern markiert ist, übernimmt heute das Adrenalin die Steuerung unserer weiteren Konversation. Über meine Lippen gelangen unschöne Wörter, die ich selten gebrauche. Die Frau entschuldigt sich, aber man hört, dass sie dies nicht zum ersten Mal tut. Ja, sie würde sich auch einen anderen Job wünschen, aber so einfach sei der halt nicht zu finden.

Wieder einmal fülle ich das Internet-Formular des Staatssekretariats für Wirtschaft zur Meldung unerwünschter Anrufe aus. Doch wie schon in der Vergangenheit erscheint nach Drücken des «Absenden»-Knopfs keine Empfangsbestätigung, sondern eine leere weisse Seite. Ob den zuständigen Beamten meine Meldung erreicht hat, bleibt ungewiss. Ich will die Frage nicht offenlassen und versuche, mit einem Anruf nachzuhaken. Bei der Telefonzentrale der Bundesverwaltung warte ich 27 Mal Klingeln ab, in der Hoffnung, dass hier doch jemand in der Nähe des Telefons sein könnte, der Zeit für mich hat – vergebens.

Telefondamen gäbe es genug, aber sie sitzen am falschen Ort und beschäftigen sich damit, die Leute mit unerwünschten Anrufen zu verärgern: das sind Anti-Arbeitsplätze anstelle von Arbeitsplätzen.

Wer Markt und Staat gegen einander stellt, irrt. Eine Marktwirtschaft braucht gute Regeln, zum Beispiel eine griffigere Gesetzgebung gegen unerwünschte Anrufe. Andererseits brauchen wir einen effizienten Staat, der für die Bürger auch erreichbar bleibt.

Nur so bringen wir die Telefonistinnen an die Orte, an denen sie für die Gesellschaft Nutzen stiften.

Michael Derrer, Unternehmer, Rheinfelden

Amerikanische Lösungen für den Stau auf unseren Strassen?

Das Bundesamt für Strassen ASTRA stellte im Juni fest, dass das Nationalstrassennetz im Raum Basel «an seine Belastungsgrenze stösst». Damit fasst es in nüchterne Worte, was hunderte Pendler aus unserer Region täglich ertragen. Und mit dem Bau des Rheintunnels in Basel wird die Häufigkeit von Verkehrsstaus in unserer Region nochmals deutlich steigen. ASTRA setzt auf die Umnutzung des Pannenstreifens zwischen Pratteln und Rheinfelden, die ab 2019 in Kraft tritt. Aus Sicherheitsgründen stehe ich dieser vermeintlichen Lösung sehr skeptisch gegenüber.

Stattdessen gäbe es Ideen aus Übersee, die sich für den Import eignen. Sogenannte «Fahrgemeinschaftsspuren» dürfen nur von Fahrzeugen mit mindestens zwei Insassen benutzt werden. Diese Fahrstreifen, die mancherorts auch nur während den Stosszeiten gelten, sind in der Regel deutlich weniger stark befahren, so dass man zügig vorankommt. Als ich im Januar meinen Bekannten in der US-Hauptstadt Washington besuchte, der als Direktor einer grossen Umweltorganisation arbeitet, flitzten wir in seinem Elektrofahrzeug über die erste solche Fahrbahn, die in den USA überhaupt geschaffen wurde, wie er mir erzählte. Seit den 1970ern wurde der Ansatz, der die Verringerung von Staus und die Senkung der Luftverschmutzung bezweckt, in mehreren US-Staaten erfolgreich umgesetzt.

In Europa hat das Konzept bisher kaum Verbreitung gefunden. Umso überraschter war ich, als ich unlängst in Rzeszów, einer polnischen Stadt mit der Einwohnerzahl Basels, eine Markierung sah, die anzeigte, dass der vorher nur öffentlichen Bussen vorbehaltene Fahrstreifen neu auch für Fahrgemeinschaften geöffnet wurde. Offensichtlich ist man in Polen innovativen Ideen gegenüber aufgeschlossen.

Fahrgemeinschaftsspuren setzen auf kostengünstige Weise Anreize für Pendler, die Fahrt mit Arbeitskollegen gemeinsam zu tätigen. Vielleicht könnte die Idee nicht nur für die Strecke nach Basel, sondern auch für die während den Stosszeiten überlastete Rheinfelder Zollbrücke Linderung bringen?

Michael Derrer ist Unternehmensberater und Vorstandsmitglied der glp Rheinfelden

Legende:
Die Markierung «1+2» zeigt auf dieser polnischen Strasse an, dass neben Bussen und Taxis neu auch Fahrgemeinschaften die Spur benutzen dürfen.